Das letzte Jahr, in dem eine 3 vorne steht. Nachdenklich nippe ich an meinem Kaffee. Die Liste der anstehenden Erledigungen ist lang: Haus und Garten aufräumen, sodass wir Gäste empfangen können, Deko hinstellen und aufhängen, Essen planen und einkaufen, eine Bowle ansetzen, und so weiter. In zwei Tagen haben sich 15 Gäste angekündigt, alles Familie. Mit uns vieren werden wir also 19 Menschen sein (und ein Hund). Alleine bei dem Gedanken sinke ich schon in mir zusammen.
„Was ist eigentlich das Problem?“
frage ich mich. Ich liebe meine Familie. Ich habe sie gern um mich. Wir feiern auch liebend gern mit unseren Freunden und sind nicht selten die Letzten, die gehen (so war es jedenfalls vor den Kindern 😉 ).
Warum fühlt es sich dann komisch an, wenn wir Gäste bekommen?
Ich kann nur für mich sprechen: Mein Zuhause ist mein Rückzugsort. Meine Festung. Der Ort, an dem ich vollkommen meine Masken fallen lassen kann. Wo ich sage, was ich denke, auch wenn es mal unfreundlich ist (ja, das kommt vor).
Gäste zu haben, bedeutet für mich, in meinem Safe Space vorsichtig sein zu müssen.
Klingt dramatisch, wenn man jemand ist, der gerne Gäste hat. Aber ich reiße mich sowieso schon ständig zusammen. Mit ADHS (und Verdacht auf zusätzlichen Autismus) ist das Leben oft anstrengend: Reize wie Umgebungsgeräusche, Gespräche, Gerüchte etc. strengen mich an. Mit Menschen zu sprechen kann für mich herausfordernd sein, weil in mir ein ständiges Treiben herrscht („Okay, ich muss zuhören, was sie sagt, ohne mich ablenken zu lassen und ohne sie ständig zu unterbrechen. Ich muss mir merken, was ich gleich antworten will und mich für eine Antwort entscheiden, obwohl in meinem Kopf gleichzeitig 5 Antworten vorformuliert sind, und dann muss ich meine präferierte Antwort auch noch in einem verständlichen Satz rausbringen, bei dem die Wörter Sinn ergeben – aber ich darf nicht zu schnell sprechen, sondern versteht sie mich nicht richtig. Und ich muss deutlich sprechen, obwohl es anstrengend ist. Und der Satz sollte kein Bandwurmsatz sein. Und die Antwort darf nicht aus zehn Sätzen bestehen, sonst rede ich zu viel und die anderen kommen nicht zu Wort. Mist, was hat sie jetzt eigentlich gesagt?“)
Wenn niemand da ist, kann ich nuscheln, zu schnell sprechen, laut singen oder Geräusche machen, die ich sonst unterdrücke.

Wie kann ich dennoch einen Geburtstag feiern, der mich nicht (so sehr) anstrengt?
Vielleicht, so denke ich beim nächsten Schluck meines Kaffees, kann ich ja meinen Geburtstag so gestalten, dass ich mich nicht die ganze Zeit zusammenreißen muss.
Ich klappe mein Notizbuch auf und überlege mir, wie ein Geburtstag aussähe, der mich erfüllt, erfreut und stärkt.
Sanfter Start
Ich brauche morgens meine Ruhe, um meine Gedanken zu sortieren, um mich auf Wesentliches zu fokussieren und um bei mir anzukommen. Das ist ein unverhandelbarer Punkt mittlerweile.
(In dieser Zeit habe ich übrigens ein Ritual gemacht, das ich seit ein paar Jahren an jedem Geburtstag mache: Ich schreibe mir einen Brief, den ich zum Geburtstag im nächsten Jahr öffne).

Die passende Zeit auswählen
Da ich morgens meine Zeit brauche und ich weiß, wie viel wir aufzuräumen haben, will ich den halben Tag noch haben, um mich und unser Haus auf die Gäste vorzubereiten. Die Feier findet daher nicht vormittags statt, sondern gegen 15:30 Uhr.
Um Hilfe bitten
Wir haben am Tag vor dem Geburtstag wegen anderer Termine kaum Zeit, um etwas zum Essen vorzubereiten und wir haben nicht so viel Platz, um vier oder fünf Salate kaltzustellen für das Grillen am Abend. Daher frage ich bei meiner Familie an, ob jeder einen Salat oder einen Kuchen mitbringen möchte (freiwillig).
Weniger ist mehr
Sowohl beim Essen als auch bei der Deko lebe ich nach dem Motto „weniger ist mehr“: Tischdecke, Vase mit Hortensien aus dem Garten und ein Windlicht mit einer Kerze – fertig.
Beim Essen: Backmischung – gelingt immer und schmeckt gut genug. Ein Kuchen und 12 Muffins, die sind relativ schnell gebacken und erfüllen ihren Zweck.
Und mit diesen Vorbereitungen im Rücken, klappt der Geburtstag zwei Tage später tatsächlich ganz wunderbar:
Anerkennen, dass es anstrengend werden kann
Ich mache mir nicht die Illusion, dass der Geburtstag ganz easy wird und plötzlich alles prima ist. Dennoch gehe ich positiv in den Tag und weiß: Es kommen Menschen, die mich lieben und die ich liebe. Wir werden es uns schön machen und es ist okay, wenn ich abends müde und kaputt bin.

Rückzüge erlauben
Ich habe mich während der Feier ab und zu zurückgezogen, um ein bisschen Ruhe zu haben. Meistens verbinde ich das mit einem Toilettengang. Ich schließe dann die Augen, halte mir die Ohren zu und atme bewusst tief ein und aus. Alleine diese ein, zwei Minuten reichen oft aus, um wieder Ruhe in meinen Körper zu holen.
Als außerdem der Hund zu einer Gassirunde ausgeführt wurde, habe ich mich angeschlossen.
Und falls es zeitlich drin ist, gibt es auch ein paar schöne Rituale, um abends wieder bei sich anzukommen:
- ein Vollbad
- barfuß über Gras und Erde laufen
- ein langer Spaziergang in der Natur (gern im Wald, wenn möglich)
- geführte Meditation
- lesen, malen oder anderweitig kreativ sein
Was sind deine Tipps für einen bedeutungsvollen Geburtstag?